Der schwarze Geist Berlins

Der schwarze Schädel grinst mich an. Die Zahnreihe ist viel zu breit und perfekt. Und jetzt, wo ich genau hinschaue, passen auch die Lachfalten und die Stirnfurche nicht zu einem Totenkopf. Vielleicht ist es gar kein Schädel, sondern das Gesicht eines ausgemergelten Menschen? Ein leicht irritierender Gedanke von meinem Standpunkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus, wo ich gerade Müsli esse und an meinem Latte nippe. Vielleicht soll es auch nur ein Negativbild darstellen und man muss sich den Schädel weiß denken. Die Gedanken sind noch unfertig, der schwarze Geist hat sich noch nicht herausgebildet. So betrachtet, steckt hinter jeder schwarzen Seele eine helle, sie ist nur noch nicht belichtet. Ich muss mir also nur mehr Zeit geben, um zu reifen und schon sieht die Welt und meine Rolle darin deutlich weniger düster aus. Und wenn ich mir schon seit zig Jahren wieder und wieder mehr Zeit gebe? Dann sehe ich ebenfalls aus wie der Totenschädel: abgemagert bis auf die Knochen aber immer noch ein hoffnungvortäuschendes Grinsen ins Gesicht gemeißelt.

Was also kann man tun, um den Geist zu entwickeln und ins Positive zu wandeln? Beim Frühstück darüber nachdenken, was man vorhat und ob man sich damit auf die dunkle oder die helle Seite der Macht begibt? Aber wenn man mit solchen Gedanken schon beim Frühstück anfängt, was schleppt man dann am Ende des Tages mit sich herum? Vielleicht lautet die Botschaft ja auch: Nur nicht hinschauen, ins Müsli starren, das vor einem auf dem Tresen steht, die Augen schließen und den Milchschaum auf den Lippen fühlen. Das ist etwas, was dieser Schädel definitiv nicht kann, lippenlos lieblos wie er ist. Will er mir also sagen: Genieße das Leben, solange du noch über die dafür notwendigen Gliedmaßen und Körperteile verfügst?  Oder macht er sich einfach lustig über die tiefsinnschürfende latteschlürfende Frühstücker gegenüber. So oder so: Die Wahrheit kristallisiert sich erst beim Handeln heraus.

Ich stehe auf und zahle.

 

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