Die Lüge

Jeden Tag komme ich an diesem Hoftor vorbei, auf dem in großen Lettern Lüge steht. In Waschküchengrün mit rotem Schimmern drumherum, als ob die Lüge vor Angst so stark zittert, dass sie schon zu glühen beginnt. Und jeden Tag ermahnt es mich immer wieder aufs Neue: keine Lügen. Sei ehrlich, wenigstens zu dir selbst.

Ich habe mir die Sätze und Worte zurecht gelegt – unbefristeter Vertrag, ordentlich Kohle, du könntest deine Harley wieder fit kriegen, es ist DIE Chance. Ich habe vor dem Spiegel geübt: einen kleinen Haken gibt es allerdings – zu niedlich; der Job ist in Lüneburg – zu nüchtern, ich weiß doch wie er mit dem Kiez verwachsen ist; aber wie immer im Leben gibt es einen Haken – das ist gut, das sagt er auch immer, wenn er einen Job ablehnt. Ich habe sein Lieblingsgericht gekocht – Risotto – und Starkbier dazugestellt. Ich wollte ihm sofort um den Hals fallen, damit er an meinem Herzschlag spürte, wie wichtig mir das war.

Dann schloss er die Tür auf und alles kam ganz anders. Wie er da so stand mit seinen Pauli-braunen Augen und noch mehr Schallplatten unter dem Arm, fragte ich mich plötzlich, was ihn eigentlich bei mir hielt. Hauste er nur deswegen bei mir in der zugigen Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, weil sie fußläufig von der Kneipe lag, wo er dreimal die Woche Bier zapfte und hin und wieder auflegte?

Ich habe ein Superjobangebot, sagte ich und im selben Moment wurde sein Gesicht waschküchengrün. Er ahnte das ABER. Ich plapperte weiter. Wenn dir etwas an mir liegt, wirklich wichtig für mich, solche Sachen. Schließlich unterbrach er mich, violette Enttäuschungsringe unter seinen Augen: Und wo? Ich sagte es ihm. Wo soll ich dann hin?

Und in dem Moment begriff ich: Er hatte mir nie versprochen, was ich die letzten zwei Jahre zunehmend lauter gehört hatte. Es wurde Zeit, dass ich aufwachte. Aber dafür musste ich nicht nach Lüneburg. Eine andere Wohnung reichte völlig aus.

 

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