Engel

Zuerst erkennt man den Engel nicht. Der Putz blättert, über den Fenstern sieht man Brandspuren, am Dachfirst blüht braun der Schimmel. Dann entdecke ich ein Auge, bleibe stehen und schaue genauer hin. Im Hauswinkel hat sich ein Cherub eingenistet und scheint mich neugierig zu mustern, den Kopf auf die Hand gestützt, links daneben, der kleinere Bruder. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die beiden das Geschehen auf dem Markt betrachten.

Unter leuchtend roten Schirmen bieten die Händler spitze Paprika an, Trauben und Zwiebeln. Wassermelonen liegen geviertelt zum Verzehr bereit. Unter der Klarsichtfolie bewegen sich die Kerne. Ich schaue genauer hin: Es sind Wespen, die unter die Schutzfolie gekrochen sind und sich jetzt ungestört auf das Fruchtfleisch stürzen.
Fleischfarbene Bohnen sind aufgeschüttet, Orangen zu Pyramiden aufgetürmt. Dazwischen gibt es Gesticktes und Geklöppeltes. An einem Stand sind Sonnenschirmen aus bunten Spitzenstoffen aufgespannt.

An der Treppe hinunter zur Altstadt steht eine Frau aus Bronze. Sie trägt einen geflochtenen Korb auf dem Kopf. In ihre Armbeuge hat jemand einen Blumenstrauß gelegt. Sie sind schon am Welken. Kurz überlege ich, ob ich frische kaufen und hineinlegen soll. Aber ich bin nur als Beobachter hier und man muss schon genau hinsehen, damit man keine Engel verpasst.

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