Der Torbogen

Ich stehe im Schatten des Torbogens. Auf dem Boden vor mir ein Kreuz, das einer Tabelle über Soll und Haben gleicht: 1914-1918 und 1938-1945. Am längeren Ende des Kreuzes ist noch Platz für weitere Einträge.
Jenseits des Torbogens gleißt die Sonne. Selbst die Bäume leuchten nuklear. Die Hitze streckt ihre Finger nach meinem Schattenplatz aus. Chihiros Reise fällt mir ein. Was mich auf der anderen Seite erwarten wird?

Ich schließe die Augen und als ich sie wieder aufschlage, blockiert mir ein Mann den Weg. Gelassen sitzt er da und wartet. Worauf? Dass ich meine Initialen unter das Kreuz kerbe? Dass ich mich an ihm vorbeiducke?

Im Märchen hat man drei Wünsche frei. Vielleicht funktioniert das auch hier. Ich schließe erneut die Augen.

Das Tor ist zugewuchert. Die Sonne leuchtet im Farn. Ein Ahornblatt spendet Schatten. Feigenblätter überstehen die Winter hier nicht.
Ich blinzele ein letztes Mal und trete in die flirrende Helligkeit hinaus. Es sind nur wenige Schritte durch den Hitzepropfen, dann erreiche ich die Schatten spendenden Allee und der Spuk liegt hinter mir.

 

Foto: Torhaus Wellingbsüttel, Hamburg; Skulptur: Karl Hartung – Großer Sitzender, Schloss Gottorf, Schleswig

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