Stories

Der Werwolf

Am Abend des 19. März riss sich Hilo Pfeiffer die Venenkanüle aus der Hand, zog ihren Mantel über und hastete in Badeschlappen über den notbeleuchteten Flur des Krankenhauses in Wittlich. Ihre Großmutter hatte ihr als Kind immer Geschichten vom Werwolf erzählt. Sie hatte nie daran geglaubt. Bis heute. Hilo drückte den Bügel der Glastür zum […]

Darwin lässt grüßen

Die Leiche trieb im Pool. Ihre Augen starrten in den Himmel. Hauptkommissar Gauweiler starrte in den Ausschnitt der Witwe. Deren Telefon klingelte. Sie antwortete in einer Sprache, die er nicht verstand. Russisch oder polnisch, schätzte er. Er warf einen Blick über die Brüstung hinunter aufs Tal und fragte sich, wie der Tote an eine Baugenehmigung […]

Das schwarze Herz Hamburgs

Bei schönem Wetter gehe ich gern mit Baron Münchhausen um die Alster. Man muss sich ja fit halten. Zwischendrin setze ich mich und werfe Stöckchen für den Baron oder schaue den Blesshühnern bei der Aufzucht ihres Nachwuchses zu. Manchmal gönne ich mir sogar eine Kugel Heidelbeereis. Immer wieder treffe ich bekannte Gesichter. So auch heute, […]

Der schwarze Geist Berlins

Der schwarze Schädel grinst mich an. Seine Zahnreihe ist viel zu breit und perfekt. Und jetzt, da ich genau hinschaue, passen auch die Lachfalten und die Stirnfurche nicht zu einem Totenkopf. Vielleicht ist es gar kein Schädel, sondern das Gesicht eines ausgemergelten Menschen? Ein leicht irritierender Gedanke von meinem Standpunkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus, […]

Die schwarze Zahl Frankfurts

Ich stehe am Gepäckband am Frankfurter Flughafen und warte auf die schwarze Dreiunddreißig. Darauf habe ich von weitem meinen Koffer erspäht. Zum achtzehnten Geburtstag nahm mich mein Vater mit ins Casino. Er gab mir fünfzig Mark und sagte, wenn du es verspielt hast, gehen wir wieder. Er wollte mir eine Lektion in Wahrscheinlichkeitsrechnung erteilen. Ich […]

Böse Buben

Ich glitt hinter einer Touristin in den Dom hinein. Ein bulliger Typ folgte mir, kurz darauf kam seine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm. Also kein Scherge des Ingenieurs. Ich betrachtete die Fenster. Die reinsten Comics. Die gesamte Jesusgeschichte in achtundzwanzig Szenen. Eine Frau in luftigem Sommerkleid schwebte an mir vorüber. Ich riss […]

Die Allianz

Ich sitze im Taxi auf dem Weg vom Flughafen nach München hinein. Es regnet. Es ist dunkel. Ich bin müde. Da schimmert etwas hinter den Bäumen auf, schwillt an. Der ganze Himmel leuchtet. Zu gleichmäßig für ein Gewitter. Zu rot für Streulicht. Von Steinaeckers Roman fällt mir ein, das rote Cover, die ausgebrannten Häuser entlang […]

Virus

Danach wird alles besser. Sagt er. Vor jedem Danach kommt ein Zuvor. Heißt es. Aber in Wahrheit ist das Danach nur ein Hinauszögern des Zuvors: Wenn ich erst mal einen Job habe, eine neue Wohnung, ein Auto, wenn erst einmal die Hämatome abgeklungen sind, so dass ich die Ärmel wieder hochkrempeln kann, dann, ja dann […]

Skank und Spunk

Ihre englischen Freunde nannten sie Skank und Spunk – was so viel wie Schlampe und Mumm bedeutet. Skank und Spunk hießen die beiden Kneipen in Kopenhagen, in denen sie sich kennen gelernt hatten. In der ersten hatte sie ihn geohrfeigt, weil er zu aufdringlich wurde, worauf er fluchtartig das Lokal verließ. Sie hat dann wohl […]

Die Lüge

Jeden Tag komme ich an diesem Hoftor vorbei, auf dem in großen Lettern Lüge steht. In Waschküchengrün mit rotem Schimmern drumherum, als ob die Lüge vor Angst so stark zittert, dass sie schon zu glühen beginnt. Und jeden Tag ermahnt es mich immer wieder aufs Neue: keine Lügen. Sei ehrlich, wenigstens zu dir selbst. Ich […]

Nicht Miami

„Was ist der Unterschied zwischen Barmbek und Miami?“, fragt Georg und schiebt die Antwort gleich hinterher: „In Barmbek wache ich morgen auf, in Miami nicht.“ Ansonsten sei alles ziemlich gleich: Mädchen in Bikinis und Flipflops. Jungs in Badeshorts und Flipflops, schiebt er für mich hinterher, knallblauer Himmel, gelb getünchte Häuser mit sanft geschwungenen Balkonen. Okay, […]

Sommer-Öde

Felder soweit man schaut. Mücken kreisen in Endlosschleife. In der Ferne ein Streifen Wald. Leere Gedankenblasen am Himmel. Ausgeblichene Farben: Strohgelb, Diesiggrau, ein verwaschenes Grün. Die Zeit geliert. Ich lege mich flach auf die Erde, atme Staub ein und Hitze. Ein paar Meter weiter sitzt ein Vogel mit offenem Schnabel und schnappt nach Luft. Eine […]

Unschärferelation

Die Touristin steht im Innenhof der Burgruine, geht zu einem der beiden Fenster, schaut auf das Land hinaus, positioniert die Kamera, schüttelt kaum sichtbar den Kopf, geht zum anderen Fenster mit Blick auf ein paar Steineichen, geht wieder zurück. Für welches Fenster wird sie sich entscheiden? Für das mit dem sonnigen Ausblick oder das andere? […]

You made my day

Weinberge, Rebstöcke stehen stramm, die Treppen dazwischen sind überwuchert. Die Trauben mal blau, mal grün, manchmal beides. Der Sommer ist endlich da, der Himmel entsprechend blau. Eine Katze maunzt und schließt sich uns an. Zu wenig Mäuse. Das Problem habe ich auch. Ich kann mich auf den Kopf stellen, tun und lassen, was ich will: […]

Ängst und ein Streifen Hoffnung

Das ist neu. Arabisches Graffiti habe ich bisher noch nicht gesehen. Unter wolkigen Tieren mit und ohne Geweih steht etwas geschrieben. Ich trete näher an die dunkle Wand heran, studiere die weiße Schrift und stelle verwundert fest, dass ich es lesen kann. Ängst steht da. Es sieht nur von Weitem wie arabisch aus, weil der […]

So leicht und doch so schwer

Die Seifenblase wabert am Himmel, walrossgroß. Schwerfällig schiebt sie sich vorwärts, Täler bilden sich und Wellenberge. Für einen Augenblick sieht es so aus, als ob sie sich zweiteilen, Ableger bilden, sich vermehren würde. Ein gigantischer Wurm, der sich durch den Himmel frisst, ein Sack aus Nichts, der das Leuchten der Sonne in Tausend Phosphorfarben zersplittert. […]

Das Gesicht der Finsternis

Die finstere Gestalt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, stiert mich an. Phosphorgrün strahlt ihre Aura. Reptilienaugen fixieren mich. Krähen kreisen über einem Friedhof. Ich kann ihr Krächzen hören. Wie in den Boden gerammte Schwerter ragen Kreuze in einen Himmel, der die Farben Armageddons trägt. Kein Gesicht ist unter der Kapuze erkennbar, nur eine formlose […]

Gipfelstürmer

Der Mann holt die Piratenflagge ein, zumindest halte ich die vier schwarzen Köpfe mit den Stirnbändern zunächst dafür. Dazu passt auch die zerfranste rechte Seite. Zerfleddert eben, wie es sich für Piraten gehört – und die Karibik, wo ich mich gerade befinde. Das T-Shirt des Mannes leuchte so blau wie das Stück wolkenfreier Himmel schräg […]

Wolfsjunge

Der Wolfsjunge steht gelassen da und schaut mich an, Gasmaske in der Hand. Seine Augen sind gelb, wie es ich für einen Wolf gehört. Allerdings ist das, was ich zunächst für seine Schnauze halte, das Loch im Schädel direkt unter dem Nasenbein. Und was wie eine Brille scheint, sind die Schatten der Augenhöhlen. Um die […]

Die Treppe

Ich blicke in die Gasse, links zerfledderte Poster, rechts kubistische Gehversuche an der Hauswand.  Ganz am Ende führt eine Treppe aus der Enge hinaus und auf den Himmel zu. Auf den Stufen steht etwas. Ich mag simples Buchstabengekritzel nicht. Es ist, als ob mir jemand eine Botschaft an den Kopf schleudert, mir aber nicht die […]

Cerveza Superior

Ich blicke in das Schaufenster, es wirkt aus der Zeit gefallen, die Farben verblasst, neben Konserven sind Gläser mit Eingemachtem aneinandergereiht. Eingewecktes hätte meine Großmutter dazu gesagt. Hat jemand vergessen, bei Geschäftsaufgabe den Laden zu räumen oder war es die Mühe nicht wert? Kurz frage ich mich, ob es sich um eine Kunstausstellung handelt, eine […]